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Bei Tanger

Kommentar

Preis der Revolte

Wie relativ ist Freiheit?
Dante Andrea Franzetti
Nach einer Woche im Norden Marokkos, beschleicht mich ein schrecklicher Gedanke. Den Tunesiern (denn in Tunis war ich in den vergangenen zwei Jahren viele Male) hat die "Revolution", wie sie sie nennen, nicht gut getan. Viele dort haben Freiheit mit etwas verwechselt, das mit Freiheit nichts zu tun hat; vielen schien dort nun alles erlaubt, weil zuvor nichts erlaubt war. Und das merke ich eben hier in einem Land, das keinen Herrscher vertrieben hat und nicht dieselben Freiheiten geniesst: Marokko ist angenehm. Ist das gut so?

Der Reihe nach! Am besten hat es in Tunis ein Taxifahrer ausgedrückt, der gerade von einem in Sprungstellung auf einem Pneu fahrenden Motorrad überholt wurde: "C'est ça la Révolution - faire des conneries!" Das ist die Revolution: Dummheiten anstellen. Die Unfälle hätten seit der Revolte drastisch zugenommen, der Schmutz in der Stadt sowieso (letzteres haben alle bestätigt), Preissicherheit gebe es keine mehr (wovon sein eigener Berufsstand, derjenige der Taxifahrer, ganz und gar nicht ausgenommen ist), ein jeder rede nicht nur, sondern mache auch, was er wolle.

Das war in Tunis gut an den salafistischen Gruppierungen zu sehen, die Fahnen schwenkend durch das Zentrum zogen und "Takfir" brüllten: "Takfir" ist die Bezichtigung eines Moslems, ein Ungläubiger zu sein. Man gibt ihn damit unter Umständen zum Abschuss frei. Die neue tunesische Verfassung hat, zum Bedauern der protestierenden Salafisten, diese Art von religiöser Diskriminierung abgeschafft.

Dass die in Tunesien plötzlich mögliche Meinungsfreiheit auch bizarre Verhaltensweisen produziert, Gegenreaktionen, Proteste, sogar Morde, gehört zum Wesen von Revolten und Revolutionen. Was aber immer auffälliger wurde, war eine Zunahme von allgemeiner Frustration, Unfreundlichkeit, Unpässlichkeit, Wut auf ausländische Touristen, Betrügereien und Beschimpfungen, die (nicht nur mir) den Aufenthalt in Tunis zu vergällen begannen.

Dann das Attentat im Museum Bardo mit mehr als zwanzig Toten - wir waren, meine Söhne, meine Frau und ich, drei Tage zuvor dort gewesen, um die Mittagszeit, an der später das Massaker stattfinden würde. Gezeigt hat die widerstandslos ausgeführte Tat, wie unorganisiert die Sicherheitsdienste und die Polizei in Tunesien sind - auch dies ein Ergebnis ihrer "Revolution", die den Schlendrian und die Nachlässigkeit, wohl auch die Korruption und die Inkompetenz weiter begünstigt hat? Viele Tunesier dürften das so sehen.

Gegen Ende meiner Aufenthalte hörte ich immer mehr Leute sagen: "Unter Ben Ali wäre das nicht passiert." Sich den Diktator zurückzuwünschen um der Ordnung willen, ist eine Bankrotterklärung. Es bedeutet so viel wie: Wir sind nicht fähig, uns selbst zu regieren. Versuchen wir es, ernten wir Chaos und Anarchie, Korruption und Inflation, Arbeitslosigkeit und Elend. Die Wörter, die wir jetzt frei aussprechen dürfen, können wir nicht essen, mit Meinungen nicht unsere Familie ernähren. Noch dazu müssen wir uns die Verschrobenheiten der Salafisten anhören, die sich unter der Diktatur in ihren Löchern verkrochen oder im Gefängnis schmorten.

Von Marokko weiss ich viel weniger als von Tunesien. Ich bin an einem Ort gelandet, der die Grösse eines Quartiers in Tunis hat. In der Nähe ist Tanger, eine wild auswuchernde Stadt. Was mir sofort auffiel, war die Zurückhaltung der Bevölkerung, obwohl man hier fast ausschliesslich von europäischem und marokkanischem Tourismus lebt. Man wird nicht bedrängt, etwas zu kaufen oder sich die Schuhe putzen zu lassen, wie in Tunis, wo man bei Zurückweisung einer unverlangten Dienstleistung auch mal gerne beschimpft wird (was zur neuen Meinungsfreiheit gehört).

Verhandlungen mit Taxifahrern gehen ruhig vor sich, es gibt keinen Abriss. Die Kellner sind aufmerksam und diskret. Die Wohnungspreise sind sehr vernünftig (man darf nur nicht bei europäischen Besitzern mieten; dort findet der wahre Abriss statt) - mit einem Rollkoffer herumgehen genügt, es nähern sich Leute, die mit den Schlüsseln klimpern, und schon hat man eine bescheidene, aber angenehme Wohnung. Keine endlose Feilscherei.

Damit das hier nicht klingt wie in einer Tourismusbeilage - zurück zum Anfang. Zum schrecklichen Gedanken. Es redet hier nämlich auch niemand über Politik. Es gab keinen Arabischen Frühling. Es wurden also auch keine Erwartungen geweckt wie in Tunesien, die sich als trügerisch und unerfüllbar erwiesen. Sind sie hier also (relativ) arm, (relativ) unfrei, aber (relativ) zufrieden? Sie wirken so. Ich kann mich jedenfalls hier bewegen ohne die Defensivhaltung, die ich mir in Tunis zu meinem Schutz zugelegt hatte.

Goethe war über die Französische Revolution erschrocken. In seinem Innersten dachte er: Der Mensch erträgt eher Ungerechtigkeit als Unordnung. Mit Terror stabilisieren Revolutionen für Gewöhnlich die Unordnung, die sie in die Welt gebracht haben, deshalb (und noch aus anderen Gründen) war der Arabische Frühling wohl eher eine Revolte. Tunesien und Ägypten haben ihren Preis für die Umwälzungen bezahlt, während in Marokko die Welt noch im Gleichgewicht erscheint.

Zu welchem Preis? Ich weiss es nicht, aber es wäre westliche Arroganz, die Marokkaner für kleinmütig und hasenfüssig zu halten, nur weil sie sich nicht der Revolte anschlossen. Vielleicht sind sie nur weiser und geduldiger, und vielleicht gehen sie zielgerichteter auf eine arabische Moderne zu als die mittlerweile reuigen arabischen Länder, die vor vier Jahren den Aufstand geprobt haben.