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Bei Tanger

Preis der Revolte

Wie relativ ist Freiheit?
Dante Andrea Franzetti
Nach einer Woche im Norden Marokkos, beschleicht mich ein schrecklicher Gedanke. Den Tunesiern (denn in Tunis war ich in den vergangenen zwei Jahren viele Male) hat die "Revolution", wie sie sie nennen, nicht gut getan. Viele dort haben Freiheit mit etwas verwechselt, das mit Freiheit nichts zu tun hat; vielen schien dort nun alles erlaubt, weil zuvor nichts erlaubt war.
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Kommentar

What's the clock?

Die Zeithändler von London
Sidonie Melzer
Franzetti: Antwort an den Freund Chiellino

Das schöne, ausführliche Interview mit dem Literaturwissenschaftler und Autor Gino Chiellino, das Interessen.org vergangene Woche publiziert hat, überraschte mich in einem Punkt, auf den ich kurz zurückkommen möchte.

Natürlich war die Frage nach der einschränkenden (eventuell diskriminierenden) Bedeutung des Begriffs "Gastarbeiterliteratur" so gestellt, dass man Kritik über dieses Etikett erwarten durfte, das die Deutschen in den 80er Jahren Autoren mit fremdländischen Namen, wie eben Chiellino oder auch Franzetti, verpasst hatten. Chiellino antwortete stattdessen:

"Wir sind seit Generationen eine Aus- und Einwandererfamilie. Daher schien es mir selbstverständlich, dass ich aufgrund meiner Inhalte als Gastarbeiterautor definiert wurde und werde. Daran finde ich nichts Anstössiges.

Die Bezeichnung Gastarbeiterliteratur ist im Kontext der engagierten deutschsprachigen Literatur der 60er Jahre entstanden und zwar zu einer Zeit, als die Arbeiterliteratur und die Frauenliteratur ihren Durchbruch erzielt hatten. Es lag nahe, dass sich ein Begriff wie Gastarbeiterliteratur herausbilden würde."

Ich habe mich immer bemüht, solchen Bezeichnungen, da dem Deutschen nichts lieber und wichtiger ist als die Schublade, in die er die Ereignisse und Dinge steckt, etwas Gutes abzugewinnen. Aber ich kann es nicht. Auch Begriffe wie Frauen- oder Arbeiterliteratur, Schwulen- oder Lesbenschreibe, Pop- oder Punkroman wollen mir nicht gefallen.

Literatur ist Literatur, und sie kann natürlich auch schlecht sein. Mit Sicherheit schlecht, weil eindimensional, ist sie, falls sie tatsächlich unter das Geschlecht, die soziale Herkunft, die sexuelle Orientierung oder die Vorliebe des Autors für einen Musikstil subsumiert werden kann.

Entsprechend den Bewegungen, von denen diese literarischen Etiketten abgeleitet sind (Frauenbewegung, Arbeiterbewegung, Schwulenbewegung usw.), schwingt sich das Soziologische und Politische über das Ästhetische auf - die so etikettierte Literatur "leistet einen Beitrag", "trägt zum Fortschritt bei", "befördert die gute Sache". Sie ist entsprechend "gut gemeint", aber eben nicht so ganz, nicht so richtig LITERATUR.

Mir scheint die diskriminierende Absicht solcher Begriffe, falls auf Literatur und nicht auf politischen Kitsch angewandt, offensichtlich. Auf diese Weise hielten die Feuilletons sich zwei Jahrzehnte Autoren mit fremden Namen im Gedanken an eine wie immer geartete "reine Kultur" (oder auch Nationalkultur) vom Leib. Man kann also durchaus kritisch bis allergisch auf solche einschränkenden Etikettierungen reagieren, falls man der Ansicht ist, man schreibe Literatur (und keine politischen Pamphlete). Man kann aber umgekehrt auch, wie Chiellino das tut (und das hat mir seine Antwort klar gemacht), den Begriff als einen mittlerweile recht allgemeinen annehmen und sich sagen: Bitte, das Etikett ist passend (oder eher: unausweichlich), nennt mich ruhig einen Gastarbeiterliteraten, da ihr mich ja auch im Alltag, ausschliesslich?, als Gastarbeiter betrachtet.

Was Literatur ist, jenseits dieser etwas kindischen Vereinfachungen, entscheiden die späteren Leser, Studenten, Geisteswissenschafter. Der Begriff "interkulturelle Literatur", der sich, auch dank Gino Chiellino, durchgesetzt hat, ist schon offener.

Ich kenne allerdings keine Literatur, zumindest keine moderne, die nicht "interkulturell" wäre - und damit wären wir wieder a capo des Problems mit den Etiketten. Sie sind entweder redundant oder vereinfachend dümmlich. (daf.)

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Stimmt es? Geld verdienen mit der Zeitangabe

Ruth Belleville ging dem wohl sonderbarsten Beruf des britischen Königreichs nach: Sie war Zeithändlerin. Von 1892 an fuhr Belleville jeden Montagmorgen zum Observatorium in Greenwich, um dort ihre Uhr korrekt zu stellen. Anschliessend ging sie durch die Strassen der Londoner Innenstadt und des West Ends, klopfte an die Türen und nahm einen kleinen Geldbetrag für die genaue Zeitangabe entgegen.

Bereits Ruths Eltern waren seit 1836 im Zeitgeschäft gewesen: Um die zweihundert Abonnenten befanden sich auf ihrer Kundenliste. Fast ein halbes Jahrhundert lang, bis kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, versorgte die "Greenwich Time Lady" die britische Hauptstadt mit der genauen Uhrzeit und lebte recht gut von ihrem Zeitverkauf.

Stimmt es? Klicken Sie HIER um es zu erfahren.

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Eine Viertel Million Steuern

Ein Mann füllt jahrelang keine Steuererklärung aus, weil er Legastheniker ist, wird eingeschätzt und bezahlt insgesamt eine Viertel Million Steuern zuviel. Passiert ist das dem Hilfsarbeiter Ernst Suter aus Dürnten im Kanton Zürich. Er hatte begonnen, seinen Besitz zu verkaufen, um die horrenden Steuerbeträge abzuzahlen. Und alles nur aus Scham.

Im Jahr 2001 setzte das Steueramt das Einkommen des Hilfsarbeiters auf 70'000 Franken an, 2005 waren es 100'000, vier Jahre später 250'000 Franken, 2010 dann 300'000 und im Jahr 2012 sogar 480'000Franken.

Die Viertel Million, die Suter zuviel abgeliefert hat, bekommt er jetzt von der Gemeinde zurück. Einfach so. Wäre die Summe eine Schenkung, hätte Suter ja gleich wieder 57'000 Franken Steuern zahlen müssen. Die Gemeinde Dürnten war kulant: Da die Fristen für eine Neueinschätzung verstrichen sind, hätte Suter rein juristisch gesehen nichts zugestanden.