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Für Dante Andrea Franzetti

Wir nehmen Abschied von Dante

† 04.11.2015
Hubert Thüring
Binningen, 13. November 2015

Lieber Dante

Wir kennen uns noch nicht so lange, aber wir sind uns schnell näher gekommen. Eine solche späte Freundschaft ist wohl eher selten, Freundschaft ohnehin ein seltenes Stück Glück, Glück, das es eben nur in Stücken gibt.

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Richtig im Kopf (2014) - Dante Andrea Franzetti
Interkultur

Intellekt

Harte Arbeit,
langer Weg

Zwölf Fragen an den Lyriker und Literaturwissenschafter Gino Chiellino.
Gino Chiellino
Interessen: Sie sind als Italiener 1969 zu einem Forschungsaufenthalt nach Deutschland gekommen und geblieben. Welches Verhältnis zu den Fremden im Allgemeinen, zu Italienern und anderen Südländern im Besonderen, trafen Sie dort an?

Gino Chiellino
: Mein Eindruck der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit am Anfang der 70er Jahre war, dass sie in Bezug auf die Einwanderer naiv, neugierig und uneins war. Die Mehrheit der Bundesdeutschen war durchaus naiv, was die Funktion der Gastarbeiter in den deutschen Betrieben betraf.

Sie glaubte tatsächlich, dass auf Grund des geltenden Rotationsprinzips jeder Einwanderer nach fünf Jahren die BRD verlassen würde. Das heisst: Die meisten Deutschen waren überzeugt, dass die deutschen Arbeitgeber die von ihnen angeworbenen und betriebsintegrierten Arbeitskräfte nach fünf Jahren guter Arbeit entlassen würden. Das ist aber nie und nirgendwo geschehen.

Die Deutschen waren aber sehr neugierig auf die Fremden, weil sie spürten, wie die Einwanderer sie von ihrem monokulturellen Alltag befreiten. Mit ihrer bloßen Anwesenheit gaben die Fremden den Einheimischen, die sich noch nicht eine Reise ins Ausland leisten konnten, die Möglichkeit, in Kontakt zu anderen Kulturen zu treten.

In Bezug auf die Entwicklung der bundesdeutschen Republik waren ihre Bürger allerdings doppelt uneins. Erstens über ihre eigene Beteiligung an der Gestaltung der betriebsinternen und öffentlichen Demokratie im Lande und zweitens über die Zukunft ihrer gesamten Nation. Sollte sich Deutschland, als BRD und DDR, in Form zweier voneinander unabhängiger Staaten entwickeln oder sich wieder vereinigen? So gesehen stand die Bundesrepublik vor bewegten, schwierigen Zeiten, wie der Terrorismus im Lauf der 70er Jahre gezeigt hat.

Wurde zwischen Italienern und, beispielsweise, Türken unterschieden?

In den 70er Jahren waren Italiener, Jugoslawen und Griechen in der öffentlichen Wahrnehmung sehr präsent, jedoch mit deutlichen Abstufungen in der nichtssagenden Skala der Sympathie. Die Italiener haben sich immer eingebildet, an der Spitze zu stehen. Es gibt zwei Gründe dafür: der Wunsch einer tonangebenden deutschen italophilen Mittelschicht, die "all'italiana" leben möchte, und die Bereitschaft der italienischen Einwanderer, die deutsche Mittelschicht darin zu unterstützen und Italianità vorzuleben.

Wenn Sie, jetzt teilweise wieder in Italien ansässig, zurückblicken auf Ihre mehr als 40 Jahre in Deutschland - wie hat sich das Verhältnis der Deutschen zu den Einwanderern entwickelt?

Die selbstbefreiende Veränderung bei den Bundesrepublikanern hat sich mit der Wiedervereinigung Deutschlands ergeben. Eine Nation, die unter der eigenen Teilung litt, konnte sich der Fremde gegenüber nicht öffnen. Erst durch die eigene Wiederintegration, die innere Versöhnung, ist es dem Land möglich geworden, sich zu seiner interkulturellen Entwicklung zu bekennen und Deutschland als Zuwanderungsland zu akzeptieren.

War am Anfang die öffentliche, jedoch trügerische Vorstellung da, die Einwanderung sei eine notwendige, jedoch zeitbegrenzte Erscheinung, haben heute die Einwanderer die Möglichkeit, die doppelte Staatsbürgerschaft zu erhalten. Ihnen ist die Zugehörigkeit zur Republik ohne Verzicht auf das Eigene zugestanden.

Mehr kann weder erwartet noch verlangt werden, denn die doppelte Staatsangehörigkeit bedeutet de jure die Auflösung der Einwanderung. Allerdings sind sechzig Jahre vergangen seit dem Anwerbeabkommen mit Italien, das 1955 zustande kam.

Sie waren einer der ersten, der, vor allem als Lyriker, die interkulturelle Literatur im deutschen Sprachraum begründet und praktiziert hat. Anfänglich liefen diese Texte unter dem Etikett der "Gastarbeiterliteratur". Fühlten Sie sich da nicht zu wenig ernst genommen, in eine Schublade gesteckt?

Nein, absolut nicht! Dies mag mit meiner Familiengeschichte zu tun haben. Wir sind seit Generationen eine Aus- und Einwandererfamilie. Daher schien es mir selbstverständlich, dass ich aufgrund meiner Inhalte als Gastarbeiterautor definiert wurde und werde. Daran finde ich nichts Anstößiges.

Die Bezeichnung Gastarbeiterliteratur ist im Kontext der engagierten deutschsprachigen Literatur der 60er Jahre entstanden und zwar zu einer Zeit, als die Arbeiterliteratur und die Frauenliteratur ihren Durchbruch erzielt hatten. Es lag nahe, dass sich ein Begriff wie Gastarbeiterliteratur herausbilden wurde.

Als einer der ersten Autoren, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, erhielten Sie 1987 den Chamisso-Preis. Hat das eher die Vorstellung des "Gastarbeiterpoeten" festgeschrieben - oder hat zumindest die schreibende Zunft fremdsprachige Autoren als ihresgleichen, also als der deutschen Literatur zugehörig, anerkannt?

Dass es noch nicht soweit ist, hat mit dem Kleinmut des bundesdeutschen Literaturbetriebs der 80er Jahre zu tun. Während kleine engagierte Verleger wie CON in Bremen, ExPress in Berlin oder Neuer Malik Verlag in Kiel sich stark für die aufkommende interkulturelle Literatur in deutscher Sprache gemacht haben, haben es die führende Literaturverleger im Lande vorgezogen, interkulturelle Autoren aus dem Englischen, Französischen, Russischen und Schwedischen übersetzen zu lassen.

Bekanntlich sind Übersetzungsrechte günstiger als der Aufbau von debütierenden interkulturellen Autoren. Daher war es nicht möglich, dass sich bundesdeutsche und interkulturelle Autoren, wie es heute der Fall ist, im selben Verlagshaus treffen und kennenlernen konnten, um paritätisch miteinander umzugehen.

Ein Fortschritt im Sinne einer Anerkennung des kulturellen Beitrags der Fremden scheint in der Entwicklung des Chamisso-Preises sichtbar: Erhalten haben ihn einige wichtige Autoren, die nicht ins ursprüngliche Schema passen, und auch das Prestige des Preises selbst ist gestiegen. Ist dieser Eindruck aus Ihrer Sicht richtig?

Der Chamisso-Preis ist einmalig unter den Literaturpreisen im deutschen Sprachraum. Die Einmaligkeit besteht in dem finanziellen Engagement und einigem mehr, mit dem die Robert Bosch Stiftung die Preisträger begleitet. Dies tut, soweit ich weiß, kein anderer Preisstifter. Der Preis selbst war und ist ein Preis für Deutschsprachigkeit, die im Kontext des politischen Exils und der Einwanderung entstanden ist.

Seine Resonanz ist gestiegen, weil die Robert Bosch Stiftung aus der Verleihung ein Event erster Klasse gemacht hat und weil die heutigen Preisträger aus etablierten Verlagshäusern kommen. Das Prestige war von Anfang da, und wenn man Prestige mit der literarischen Qualität der Werke der Preisträger gleichsetzt, dann müssen sich Preisträger nach wie vor gehörig anstrengen, um das Niveau der Gründer der interkulturellen Literatur in deutscher Sprache, darunter Aras Ören, Ota Philip, Cyrus Atabay, Franco Biondi, Emine Sevgi Özdamar, György Dalos, Libuše Moníková, Franzetti und Chiellino inbegriffen, zu erreichen.

Es ist keine Schmeichelei, Ihre Gedichte in deutscher Sprache als ganz besonders, ja einmalig in Ton und Diktion zu bezeichnen. Sind Ihre Gedichte in deutschen Anthologien präsent, ohne alle Unterscheidung, oder tut man sich da in Deutschland noch schwer mit der Gleichwertigkeit.

Nein, meine Gedichte sind nicht in deutschen Lyrikjahrbüchern oder ähnlichen wiederkehrenden Veröffentlichungen zu lesen. Sie sind dort vorhanden, wo ich es mir wünsche und zwar in Readers für den Unterricht und in Forschungsarbeiten. Anthologien sind Verlagsprodukte oder Beziehungskisten, dagegen hat die Aufnahme in Readers oder in einem Forschungsvorhaben allein mit der Bedeutung der Gedichte zu tun.

Welche Rolle spielten und spielen Deutschland, welche Italien als Themen- und Motivgeber für Ihr Werk?

Sie spielen eine paritätische Rolle. Grundsätzlich stellt Italien die Herkunft und Deutschland den Alltag und die Zukunft eines lyrischen Ichs dar, das dabei ist, seine Her- und Zukunft in der deutschen Sprache zu integrieren. Dies kann man am besten am Wiederkehren von italienischen und deutschen Landschaften als Ort des Geschehens erkennen.

Sie haben auch als Professor an der Universität Augsburg wissenschaftlich zum Thema der interkulturellen Literatur gearbeitet. War da auch politisches Engagement dabei, und wenn ja, inwiefern?

Ich wollte mit zwei Ärgernissen auf einmal fertig werden. Ich hatte in Gießen in Vergleichender Literaturwissenschaft promoviert und wollte habilitieren, was nicht einfach war, weil mein Arbeitsvertrag mit der Universität Augsburg nicht vorsah, dass ich forschen durfte. Mit der Auswahl des Habilitationsvorhabens: "Arbeitsmigration und Literatur" wollte ich meinen Beitrag zur Wiederherstellung der beschädigten Würde der Gastarbeiter leisten.

Ich habe Jahre warten müssen, weil in den 80er Jahren das Thema nicht als forschungswürdig betrachtet wurde, und in der Tat hat die deutsche Forschungsgemeinschaft meinen Antrag auf ein Habilitationsstipendium abgelehnt.

Wenn man sich überlegt, dass gerade mit meiner Arbeit "Am Ufer der Fremde. Literatur und Arbeitsmigration 1870-1991" (Metzler Verlag, 1995) die Forschung der interkulturellen Literatur in deutscher Sprache auf den Weg gebracht wurde, fragt man sich, welche rassistischen Ignoranten damals die ablehnenden Gutachten verfasst haben.

Ist Ihnen die Wissenschaft nie bei der eigenen Literatur in die Quere gekommen? Oder war da eine gegenseitige Befruchtung?

Nein. Ich bin mit Menschen groß geworden, die mehrere Berufe ausgeübt haben. Mein Großvater war Auswanderer vor dem Ersten Weltkrieg; nach seiner Rückkehr aus Chicago, wo er am Bau der US-Eisenbahn gearbeitet hatte, war er wieder und gleichzeitig Bauer, Viehzüchter, Käsemacher, Weinbauer und wusste Bäume zu veredeln. Es geht immer und nur um die Bereitschaft, hart zu arbeiten, das habe ich von ihm gelernt.

Welches Kalabrien, welches Italien haben Sie nach der Rückkehr angetroffen? Gab es dort neue Themen für Ihre Lyrik?

Calabria befindet sich in einer Phase eines sehr widersprüchlichen Neunanfangs. Es gibt eine Generation junger Unternehmer, Handwerker und Landwirte, die sich dank der Qualität ihrer Produkte auf Landesebene durchsetzt. Calabria leidet nach wie vor unter Gewalt und Korruption. Ich wünsche mir sehr, dass dieses Mal der Neuanfang anders verlaufen wird.

Calabria grenzt an Nordafrika und von dort kommen Flüchtlinge. Diese drei Aspekte des heutigen Calabria haben mich dazu bewogen, einen italienischsprachigen Zyklus mit dem Titel "La Madonna di Tindari alla Rognetta", zu verfassen, der vom Staatssender RAI gesendet worden ist. In meinem ersten Roman "Der Engelfotograf" und in dem zweiten, den ich gerade schreibe, ist dagegen das Kalabrien meiner Kindheit und Jugend sehr präsent.

Als Mitarbeiter von Interessen.org haben Sie an alle Ihre Kommentare ein ceterum censeo angefügt. Falls Sie einverstanden sind, schliessen wir auch hier damit ab.

Einverstanden, es lautet: Wie gesagt, für Einwanderer ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. In der Tat versteht man sich nicht deshalb, weil man die gleiche Sprache spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen und dabei auf ihre Wortwahl achten.