Documento senza titolo
Rubrik: Intellekt
Rubrik: Kommentare
Rubrik: Literatur
Rubrik: The Correspondent
Rubrik: Interkultur
Rubrik: Ei des Kolumbus
Interkultur

Harte Arbeit,
langer Weg

Zwölf Fragen an den Lyriker und Literaturwissenschafter Gino Chiellino.
Gino Chiellino
Interessen: Sie sind als Italiener 1969 zu einem Forschungsaufenthalt nach Deutschland gekommen und geblieben. Welches Verhältnis zu den Fremden im Allgemeinen, zu Italienern und anderen Südländern im Besonderen, trafen Sie dort an? ...
weiter
Registrieren
Schreiben Sie sich kostenlos ein und erhalten Sie den unbegrenzten Zugang zum Archiv und die Möglichkeit, einen Leserbrief zu hinterlassen.

Einfach und schnell.

registrieren
Richtig im Kopf (2014) - Dante Andrea Franzetti
Deutsch richtig und gut

Intellekt

Gadamers Absage

Sich beim Reden nicht anpassen
Gino Chiellino
Der Philosoph Hans-Georg Gadamer schließt Teil II. seines Werkes "Wahrheit und Methode" mit folgender Aussage ab: „Die Verständigung über eine Sache, die im Gespräch zustanden kommen soll, bedeutet daher notwendigerweise, daß im Gespräch eine gemeinsame Sprache erst erarbeitet wird.

Das ist nicht ein äußerer Vorgang der Adjustierung von Werkzeugen, ja es ist nicht einmal richtig zu sagen, daß sich die Partner einander anpassen, vielmehr geraten sie beide im gelingenden Gespräch unter die Wahrheit der Sache, die sie zu einer neuen Gemeinsamkeit verbindet. Verständigung im Gespräch ist nicht bloßes Sichauspielen und Durchsetzen des eigenen Standpunktes, sondern eine Verwandlung ins Gemeinsame hin, in der man nicht bleibt, was man war.“

In die Interkultur übertragen

Gadamers Aussage stammt aus dem Jahr 1957, d.h. aus einer Zeit, in der das öffentliche und private Leben der bundesrepublikanischen Staatsbürger sich in ungetrübter Deutschsprachigkeit vollzog. Bei seiner Aussage setzt daher Hans-Georg Gadamer voraus, dass die „Verständigung über eine Sache“ in einer Sprache geführt wird, welcher sich die Partner von ihrer Geburt an zugehörig fühlen und sind.

Seine Aussage gewinnt umso mehr an richtungsweisender Intensität, wenn man sie in den Kontext der heutigen deutschsprachigen Interkulturalität überträgt. Die Übertragung ergibt sich aus Gadamers strikter Absage an die gegenseitige Anpassung der Gesprächspartner als Voraussetzung für das Gelingen des Gespräches.

Somit wird eine Absage an den Kernwunsch der Aufnahmegesellschaften, d.h. der dortigen Muttersprachler erteilt, die der bequemen Meinung sind, dass dem Einwanderer erst durch die sprachliche Anpassung das Gespräch, d.h. das Zusammenleben mit den Einheimischen gelingen wird.

Nicht bleiben, was man war

In der Tat: Um „unter die Wahrheit der Sache“ zu geraten, wird von Gadamer die Bereitschaft der Partner verlangt, sich so weit zu verwandeln, so dass man am Ende des Gesprächs, „nicht bleibt, was man war.“

Wenn es so ist, wie könnte sich „die Wahrheit der Sache“ in einem interkulturellen Alltag konkretisieren? Und wie könnte das angestrebte Gemeinsame aussehen, welches die Gesprächspartner in Bezug auf ihre gemeinsame Zukunft verbinden würde?

Um unter die Wahrheit der Sache zu geraten, sollte sich als erstes die schwierige, unangenehme Vorstellung durchsetzen, dass ein interkulturelles Gespräch keine Begegnung zwischen ungleichen Partnern ist, in dem Sinn, dass ein Partner die Norm und der andere die Andersartigkeit verkörpert.

Begegnung in der Andersartigkeit

Beide sollten sich bewusst werden, dass sie bei ihrem Gespräch zwei sich begegnende Andersartigkeiten darstellen. Erst dann kann ausgehandelt werden, wie die jeweilige Veränderung der Gesprächspartner ausfallen soll, um eine gemeinsame Zukunft zu erreichen, in der beide sich aufgehoben fühlen, weil sie dafür die eigene Veränderung als Preis bezahlt haben.

Im Bereich des interkulturellen Alltages hat es der einheimische Gesprächspartner schwer, sich von der öffentlichen, festgefahrenen Vorstellung zu lösen, er stelle die Norm dar. Anders gesagt, da er bei sich lebt und bleibt, fällt es ihm nicht leicht, den Lernprozess durchzumachen, dem Einwanderer ausgesetzt sind, die im fremden Land unmittelbar spüren, dass sie nicht die Norm darstellen.

Verwandlung ins Gemeinsame

Allerdings tun sich die Eiwanderer schwer, das Gespräch als paritätische Andersartigkeit zu führen. Um dies zu erreichen, müssten sie den Gesprächspartner, d.h. ihren Gastgeber von jeder Verantwortung ihnen gegenüber freisprechen und zugleich die völlige Verantwortung für sich selbst übernehmen. Leider ist eine einfachere Möglichkeit, um „unter die „Wahrheit der Sache“ zu geraten und um die „Verwandlung ins Gemeinsame“ zu erreichen, nicht in Sicht.

Wie gesagt, für Einwanderer ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. In der Tat versteht man sich, nicht weil man die gleiche Sprache paritätisch spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie bereit sind, sich zu verändern und dabei keine Wörter zu unterschlagen.