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Gadamers Absage

Sich beim Reden nicht anpassen
Gino Chiellino
Der Philosoph Hans-Georg Gadamer schließt Teil II. seines Werkes "Wahrheit und Methode" mit folgender Aussage ab: „Die Verständigung über eine Sache, die im Gespräch zustanden kommen soll, bedeutet daher notwendigerweise, daß im Gespräch eine gemeinsame Sprache erst erarbeitet wird.
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Für Dante Andrea Franzetti

Intellekt

Wir nehmen Abschied von Dante

† 04.11.2015
Hubert Thüring
Binningen, 13. November 2015

Lieber Dante

Wir kennen uns noch nicht so lange, aber wir sind uns schnell näher gekommen. Eine solche späte Freundschaft ist wohl eher selten, Freundschaft ohnehin ein seltenes Stück Glück, Glück, das es eben nur in Stücken gibt. Schon unser erstes Kennenlernen aber vollzog sich in glücklichen Fügungen, die sich in ihrer Fortsetzung zu einer Art Signum unserer Freundschaft verdichtet haben.

Im Herbst 2012 rief ich Dich an. Corinna Jäger-Trees vom Schweizerischen Literaturarchiv und ich wollten Dich einladen zu einem Workshop nach Rom im Rahmen unseres Projekts „Blick nach Süden“ über „Italienbilder in der deutschsprachigen Literatur der Schweiz“. Ich hatte einige Deiner Bücher gelesen und einen Vortrag darüber gehalten. Darin interessierte mich, wie die Beziehung von Eigenem und Fremdem, der Du mit dem Großvater (1985), Deinem ersten Buch, einprägsam Gestalt gegeben hast, sich zunächst im Italien-Kontext entfaltet und wie sie sich dann in die Erkundung anderer Fremdheiten transformiert hat. Deshalb habe ich mich auch vor allem mit dem Roman Mit den Frauen von 2008 befaßt und darin die Fluchtlinien aus dem italienisch-schweizerischen Gebiet in andere Fremdheiten verfolgt.

Schon immer ging es in Deiner Auseinandersetzung mit dem Eigenen und Fremden nicht nur und nicht einmal hauptsächlich um kulturelle Spannungsfelder, sondern um existenzielle. Deine Texte erkunden die Fremdheit in Dir und Dein Fremdsein in jener Welt, die sich mit ihren Notwendigkeiten als eigene aufdrängt. Deshalb begeben sich Deine Texte in die Fremde, um jenes Eigene zu schaffen, das man nur teilen kann: Vertrauen und Liebe, bedingungslos.

Mit dem Figurendoppel von Nerbal und Gregorj hast Du in Mit den Frauen diese Bewegungen als Lebenserzählung aus zwei Perspektiven gestaltet: Zwischen Gregorj, dem jungen, lebenshungrigen, arroganten Ironiker, und Nerbal, dem lebensmüden, klarsichtig grimmigen Humoristen, entspinnt sich am Leitfaden der Liebe ein Dialog über das geteilte Leben: Die höchsten Erwartungen und tiefsten Enttäuschungen, die Splitter des Glücks und die Ruinen der Zerwürfnisse, die tausend Lügen und die große Wahrheit.

Bevor ich Dich also anrief, ahnte ich, mit was für einem Temperament ich es zu tun bekommen würde: Wer Deinem Leitfaden der Liebe folgt, spürt, daß er sich immer wieder in der Verzweiflung zu verlieren droht. Je mehr ich von Dir las, Literarisches und Journalistisches, desto mehr war ich beeindruckt und ergriffen von der Kraft Deines Schreibens, die Dein ganzes spannungsgeladenes Temperament zur Geltung bringt: Die analytische Scharfsicht auf das „Problem der Welt“, auf die „Welt als Problem“, wie Du das nennst, der Kampfgeist gegen die Ungerechtigkeit, die unbändige Wut auf alles Heuchlerische, Verlogene, Halbherzige, die intensive Gefühlssprache – und all dies bis in die tiefste Tiefe. Dein Schreiben wirkt dabei nie verkrampft, sondern beweglich, fast leicht. Und trotzdem fühlt man, daß es ein Schreiben ist, das von der Verzweiflung weiß, das ihre Nähe sucht, um die Kraft zu gewinnen, ihr nicht zu erliegen.

Ich hatte also Respekt, vielleicht sogar etwas Furcht, als ich die Nummer wählte, die mir Deine Mutter gegeben hatte: Du schienst überrascht von der Einladung zum Workshop in Rom, vermutlich auch, weil Du gleich ausriefst: „Was für ein Zufall: Morgen erscheint mein Buch über Rom!“ – Das Glückhafte stand so über unserem Kennenlernen und dem Freundewerden.

Ja, welch ein Glück bedeutete für mich die Lektüre von Zurück nach Rom, in dem Du als journalistischer Finder, literarischer Gestalter und reflektierender Philosoph zugleich die unbekannten Zonen und verborgenen Nischen der Fassadenstadt ausleuchtest. Also begegneten wir uns am Istituto Svizzero im Januar 2013: Wir kamen aufeinander zu, Du mit diesem Anflug von lächelnder Verlegenheit, der sich bei jeder Begegnung wieder zeigte und zu Deinem Charme gehört, gemischt mit etwas Mißtrauen gegen meine universitäre Person, ein Mißtrauen, das ich mit Dir teile – wie so vieles, wie sich sehr bald herausstellte.

Nicht nur mit Deinem Buch hast Du mir Rom zurückgegeben, das ich, nachdem ich vor fünfundzwanzig Jahren einmal dort ein halbes Jahr gelebt hatte, dann irgendwann verlor. Nach dem Workshop, in dem Du das geistige Epizentrum bildetest, das uns alle zu besonderer Wachheit anregte, besuchte ich Dich anderntags im Pigneto-Quartier, einem der Schauplätze Deines Buches und Deines Lebens. Wir tranken caffé in der Friends Bar, gingen zur Feier einer Magisterarbeit über Dein Werk, später aßen wir zu zweit. Wir begannen ein Gespräch, das sich seither fortgesetzt hat. Wir haben in jenen Rom-Tagen, eigentlich vom ersten Augenblick an, etwas im anderen erkannt, was uns verbindet. Und mit ‚erkannt‘ meine ich auch jene tiefere oder auch höhere Erkenntnis und Selbsterkenntnis im Angesicht des anderen − Anagnorisis heißt das.

Seither habe ich Dich begleiten dürfen, im Schreiben und im Leben, Du hast mich teilnehmen lassen an Deinen Schreibprojekten, am Werden Deiner neuen Liebe. Mit Deinem unbeugsamen Willen zur Kritik und auch mit Deinem existenziellen Hadern hast Du mich herausgefordert und ermutigt, mir treu zu bleiben, mich nicht einfach einzupassen, sondern zu widerstehen und zu entziehen. Ich ahne und weiß aber auch, was es Dich gekostet hat, dieser Spartacus des Geistes und des Gefühls zu sein, und ich merke, daß etwas Feigheit darin liegt, Dich dafür zu bewundern.

In Zurück nach Rom erzählst Du die Geschichte des von Spartacus angeführten Sklavenaufstandes nach einem Dir vorher nicht bekannten Bericht von einem gewissen Darius Annius Flaccus, den Du in der Bahnhofsbuchhandlung entdeckt hast. Dem Autor liegt besonders daran zu zeigen, daß Spartacus vielleicht ein als Sklave unterworfener Thraker gewesen sei, aber seinem Denken und Wesen nach ein Römer. Rom habe nicht gegen einen Sklaven, sondern gegen einen Römer gekämpft. Das eine Rom gegen ein anderes Rom, darum sei es gegangen. Und, anders als das Stanley Kubrick dargestellt habe, der Kirk Douglas an der Via Appia kreuzigen läßt, hätte Spartacus sich dem Feind niemals lebend ergeben. Der römische Autor D.A.F. trägt Deine Initialen und ist eine Erfindung von Dir, wie Du mir verraten hast. Und in Spartacaus hat D.A.F. dem Kämpfer D.A.F. heimlich ein Monument gesetzt.

Wir haben uns seit den Römer Tagen regelmäßig getroffen, in Basel, in Zürich, einmal kam Dein jüngerer Sohn Nicolò mit. Es war immer gleich alles da in unseren Gesprächen, die Wachheit des Redens und Zuhörens, die schutzlose Offenheit, die freundschaftliche Sorge. Im Sommer besuchte ich Dich mit meinen Töchtern Leona und Noëlle in Santa Margherita: „Mensch, weiß der viel, und wie der reden kann“, sagten sie. Im September trafen wir uns in Bern zu einem Podiumsgespräch am Literaturarchiv. Ein geglückter Anlaß, einmal mehr, nicht nur das Gespräch, sondern auch das Zusammensein danach, denn diesmal waren Deine Söhne mitgekommen, und ich habe nun auch Luca kennengelernt. Es hat mich berührt, Dich mit den Deinen zu sehen.

Dann saßen wir noch eine Weile zu zweit unter der Laube des Lorenzini. Es machte Dich immer verlegen, wenn es merkbar wurde, daß und wie ich Dich mag, so auch bei diesem Abschied. Ja, bei diesem Abschied. Ja, wir kennen uns noch nicht so lange; aber wir haben uns im richtigen Augenblick kennengelernt. Danke, lieber Dante, für Deine Freundschaft, ciao, „machs gut“, wir bleiben im Gespräch.

Hubert