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Marocco

Zu störrisch für Almosen

Aus ''Der Gang der Menschen''
Dante Andrea Franzetti
Eine Münze

Zuckungen, Geifer, Grimassen
Ein gurrendes Grinsen, der Wackelgang
Schorfige Hand, rollende Augen
Dampfender schwarzer Mund:
So nähert sich der Dorfkrüppel, gefolgt vom
Gebete sabbernden Dorftrottel.
Keiner verweigert dem Paar
Einen Gruss, eine Münze, ein Lächeln.

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Falsches Quartett (2014) - Martin R. Dean
Kein Krimi, aber ein Juwel

Literatur

Du musst sterben!

Muriel Sparks ''Memento mori'' (1959)
Adi Severin Soliman
Da ist der Literaturkritiker, der an zwei Stöcken geht und ein Millionenerbe antreten soll; da ist aber auch der Hundertjährige, der sich für Gott hält und am Ende das Erbe erhält. Da sind Schriftsteller und ihre Bedienstete, Anwälte und Brauereibesitzer, ehemalige Ärzte und Geschäftsleute, eine hübsche Clique der englischen Upper Class, und ihre Dienstmädchen, die ebenfalls in die Jahre gekommen sind.

Muriel Sparks Einfall ist ebenso einfach wie bestechend: Alle diese Personen erhalten anonyme Anrufe mit der Botschaft: "Erinnere dich daran, dass du sterben wirst." Das berühmte "Memento mori", das dem Roman aus dem Jahr 1959 den Titel gibt.

Von der besten Seite

Es wird nun gezeigt, wie diese Figuren mit der "Bedrohung" umgehen: die einen empört, die anderen verängstigt, wieder andere gleichgültig oder umgekehrt hysterisch. Dieses "Memento mori" ist der Auslöser, der die Handlung in Gang setzt, und das ist vollkommen genügend: Da werden Testamente rückgängig gemacht, Alte in Kliniken gesteckt, Intrigen gesponnen, Geschichten von Ehebruch und Erpressung aufgewärmt, Gatten und Söhne verraten, der Neid angestachelt, auf den Tod der Feinde gehofft, Verwünschungen ausgestossen, da wird denunziert, verleumdet und gequält, Rechnungen beglichen und neue geschrieben - es zeigen sich alle von ihrer besten Seite.

Die Beschreibungen eines Heims für Alte und Demente sind meisterhaft: realistisch, beklemmend, teilweise zynisch und boshaft. Alte sabbern und setzen sich Papierbecher auf den Kopf, toben und brüllen, versuchen über das Bettgitter zu steigen, röcheln und sterben, kämpfen um den letzten Rest Würde oder geben sich auf. Selten habe ich ein solches Anti-Idyll gelesen, eine solche sarkastische Abrechnung mit einer verkrusteten sozialen Klasse, die ihre Rituale nur noch mühselig spielen, nicht aber leben kann.

Täglich ein neues Testament

Das Buch ist eine gnadenlose Abrechnung mit dem verlogenen Comme il faut ehemaliger Kolonialherren, falscher Idealisten, verbohrter Nationalisten, die sich als Erbschleicher entpuppen. Es ist auffällig, wie oft Testamente geschrieben und wieder zerrissen werden (im Altersheim setzt jeden Tage mindestens eine Insassin ein neues auf), wer begünstigt oder benachteiligt wird, wer am Morgen als Millionär erwacht und am Abend nur noch mit einem Almosen rechnen kann.

Die Figuren, etwas schablonenhaft gezeichnet, sind spleenig, doch dieser Spleen, den wir Kontinentale für typisch englisch halten, hat nichts Liebenswertes und sanft Komisches. Das "Memento mori", das im Roman auch als "Es ist Zeit zu sterben" gelesen werden kann, reisst ihnen die Maske vom Gesicht und präsentiert sie als das, was der Mensch in seinem Innersten, jenseits der Konvention, eben ist: schwach, dumm, selbstverliebt, tückisch, irrational, rachsüchtig, berechnend.

Den Tod verhaften?

Dass sich dabei auch ein Mord ereignet, ist unausweichlich, doch hat die Tat kaum etwas mit der übrigen Handlung zu tun: Sie ist zufällig. Und welche Pointe am Schluss: Der Kommissar, der selbst anonyme Anrufe erhält, versammelt die "Opfer" bei sich zu Hause und hält ihnen einen religiös-philosophischen Exkurs über die Unausweichlichkeit des Sterbens. Er ist überzeugt, dass der Tod "in Person" anruft und das Intrigenspiel in Gang setzt. Und den Tod kann man leider nicht verhaften.

Ich habe hier die Einzelfiguren nicht herausgeschält, weil sie zwar Individuen sind, aber dennoch Marionetten in einem grösseren Spiel, das der Tod mit ihnen treibt. Ausser dem pensionierten Kommissar, der für diesen absurden Fall noch einmal die Arbeit aufnimmt, verhalten sich "Angesichts des Todes" beinahe alle diese Figuren konzept- und würdelos, verängstigt und aggressiv, jedenfalls komplett irrational. Ganz am Ende dann der medizinisch exakte Rapport über Art und Weise, wie jede einzelne von ihnen gestorben ist: Infarkt, Schlaganfall, Unfall, Krebs.

Habgier und Egoismus

Muriel Spark schreibt diesen Roman in den Jahren des Booms und Wiederaufbaus in Europa. Die Leute wollen den Krieg vergessen, das Leben geniessen und am wachsenden Wohlstand teilhaben - in ganz Europa.

Die Kritik an dieser Selbstvergessenheit und Selbstübertölpelung erfolgt ganz anders als etwa in Bölls Satiren oder in der neorealistischen Literatur. Ins Zentrum wird der "grosse Gleichmacher" gerückt, der (unter Verwendung verschiedener Stimmen) nur kurz anzurufen und sein "Memento mori" zu hauchen braucht, damit sich aller Reichtum als Illusion erweist. Doch nirgends kommen die sogenannten wahren Werte zum Vorschein, Habgier und Egoismus bestimmen das Treiben der mitleidlos geschilderten Figuren bis ganz zum Schluss.

Wer sich (zum Katholizismus) bekehrt, tut es aus Berechnung, in Erwartung einer jenseitigen Rendite. Wer hilft oder sich versöhnt, tut es aus Zwang und nicht aus freiem Herzen. Wer verzeiht und reuig die Bilanz seines Lebens zieht, tut es aus Angst und Verzweiflung. So viel vermag der Tod, wenn er sich in Erinnerung ruft. Er macht aus niemandem einen besseren Menschen.

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Adi Severin Soliman, Kriminalautor, berichtet, welche Bücher auf seinem Nachttisch liegen. Auf Interessen.org schon erschienen:
"Genre bleibt Genre", Essay zur Kriminalstory, am 10.11.14.
"Freie Fahrt in den Sadismus" (Joe Hill), am 24.11.14
"Konstruktion des Ermittlers" (Colin Dexter), am 27.11.14
"Chandlers rosa Käfer" (R. Chandler), am 1.12.14
"Ein Plot für Anfänger" (Colin Dexter), am 8.12.14
"Jakob Arjounis Frankfurt" ("Ein Mann ein Mord"), am 2.2.15
"Wer das Geld erfand" (Claude Cueni), am 9.2.15
"Die altehrwürdige Talgarth Road" (J.K. Rowling), am 16.2.15
"Mord nach Glauser & Co." (Elio Pellin), am 2.3.15
"Stephen Kings Hölle" ("Revival"), am 20.4.15
"Volle Pulle in den Untergang" (H.G. Wells) am 4.5.15
"Hölle der Leere" (Noëlle Revaz) am 25.5.15
"Du musst setrben" (Muriel Spark) am 1.6.15

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