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Kein Krimi, aber ein Juwel

Du musst sterben!

Muriel Sparks ''Memento mori'' (1959)
Adi Severin Soliman
Da ist der Literaturkritiker, der an zwei Stöcken geht und ein Millionenerbe antreten soll; da ist aber auch der Hundertjährige, der sich für Gott hält und am Ende das Erbe erhält. Da sind Schriftsteller und ihre Bedienstete, Anwälte und Brauereibesitzer, ehemalige Ärzte und Geschäftsleute, eine hübsche Clique der englischen Upper Class, und ihre Dienstmädchen, die ebenfalls in die Jahre...

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''Introspektion'' VI

Literatur

Tolle Typen

Sie müssen sich nur materialisieren
Dante Andrea Franzetti
Bleibt noch auszuführen, was ich in meiner letzten Introspektion (1.6.15) damit meinte, dass alle grosse Kunst den Autor zum Verschwinden bringt. Das geht damit einher, dass eine fiktive Figur mit der Zeit von den Lesern (aber auch von Menschen, die Bücher meiden) für real und existent, für historisch belegt gehalten wird - es gibt einige Statuen von Sherlock Holmes oder von Don Quixote und Sancho Pansa.

Das kann sogar bei Figuren der Fall sein, wie bei H.G. Wells' Zeitreisendem oder den die Erde attakierenden Marsmenschen, die physikalisch Unmögliches vollbringen. Wenn sie in Kreuzworträtseln auftauchen, halten sie die Menschen für real. Dies ist umso mehr der Fall, wenn sie das Original (Buch oder Film) nicht kennen. Kinder halten auch Batman und Spiderman für menschliche Wesen.

Paradox der realen Legende

Ich kann nur hoffen, glaube aber wenig daran und kann es hier auch nicht herbeischreiben, dass "Der Grossvater" in meiner gleichnamigen Erzählung zum Paradox einer realen Legende wird. Ich hätte mich dann in einem Buch - und das genügt - hinter meiner Figur zum Verschwinden gebracht wie Cervantes hinter Don Quixote, Shakespeare hinter Hamlet, Chamisso hinter Peter Schlehmihl, Conan Doyle hinter Sherlock Holmes und Günter Grass hinter Oscar Matzerath verschwinden.

Im Kreuzworträtsel findet jeder die Lösung "Maigret" auf die Frage nach einem grossen Detektiv, Simenon, der Autor, ist schon schwieriger zu finden. Borges befand, dass H.G. Wells hinter seinem gesamten Werk verschwindet. Im Idealfall - und in der platonischen Welt, die ihr Faszinosum hat - ist der Autor nur Medium: Gestalter einer bereits von Göttern ersonnenen Idee, einer Sage oder mythischen Figur, die mit dem Verstreichen der Zeit und der Gegenwartsbezüge REALITÄT wird in der kindlichen, aber sehr menschlichen Anschauung: Teil eines kollektiven Gedächtnisses.

Religiöse Kunstvorstellung

Es verbirgt sich hinter dieser Idee die älteste (religiöse) Kunstvorstellung, die aller Literatursoziologie und allem Biographismus zum Trotz ihre kindliche Leuchtkraft, ihr Staunen über die materialisierte Idee nicht eingebüsst hat. Das hiesse: Kunst erhebt sich nicht über die Wirklichkeit, sie kommt von oben und bleibt über dem Boden schwebend stehen, berührt ihn nie.

Kunst zieht uns in diese Bewegung mit hinein, verschafft uns diesen schwebenden Zustand, solange wir damit befasst sind. Politische Bedeutung hängt ab vom Betrachter oder Leser, der solche Spiegelungen entdecken kann, ist aber nur ein Nebeneffekt. H.G. Wells ist am schlechtesten, wo er seine Romane mit allzu irdischen Botschaften garniert; am stärksten, wo - falls eine Botschaft entdeckt wird - diese Botschaft zwiespältig, verschwommen, ambivalent und wiedersprüchlich, also ein Mysterium ist wie in der "Zeitmaschine".

Ideen von Typen

Es kann sein, dass ich - philosophisch schlecht gebildet - Platon Gewalt antue oder ihn banalisiere: Ich stelle mir vor, dass es nicht nur Ideen einer SACHE AN SICH gibt, sondern auch Ideen von Typen.

Etwa: den gewitzten Dummkopf (Sancho Pansa), den an das Göttliche rührenden Forscher (Faust), den Mann ohne Seele (Schlehmihl), den Verführer (Mephisto), den Meisterdieb (Lupin), den Untoten (Dracula), den zu ewigem Leben Verdammten (Ahasver), den Intellektuellen (Odysseus, Hamlet), schliesslich das ganze griechische Götter- und Halbgötter-Panoptikum, die grösste Typensammlung überhaupt: den Überheblichen, den Zornigen, den Ängstlichen, den Kräftigen, den Schlauen, den Dieb usw.

Diese Figuren sind vor-psychologisch, moderne Literatur muss ihre Eindimensionalität durch Widersprüche, undeutbare Verhaltensweisen, unpassende Ansichten aufweichen und oszillieren lassen, ansonsten hat man langweilige Monster vor sich: King Kong, die Kreatur Frankensteins, den Passe-muraille, das Gespenst, das mit Ketten rasselt.

Typen leuchten sofort ein

Don Quixote ist ein Ritter und die Parodie eines Ritters; Schlehmihl ist kluger Botaniker und Naivling, Hamlet ist Denker und Täter, die Humanratten sind hochmoralische und brutale Wesen.

Wenn solche Figuren gut entworfen und erzählt sind, finden Sie Interesse unter den Kultivierten und Begeisterung unter naiven Lesern wie etwa Kindern. Es sind Typen, und daher "leuchten sie sofort ein". Wie kann man, da auch neue solcher Typen entstehen, nicht daran denken, dass sie schon da waren und nur realisiert werden mussten?