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''Introspektion'' VI

Tolle Typen

Sie müssen sich nur materialisieren
Dante Andrea Franzetti
Bleibt noch auszuführen, was ich in meiner letzten Introspektion (1.6.15) damit meinte, dass alle grosse Kunst den Autor zum Verschwinden bringt. Das geht damit einher, dass eine fiktive Figur mit der Zeit von den Lesern (aber auch von Menschen, die Bücher meiden) für real und existent, für historisch belegt gehalten wird - es gibt einige Statuen von Sherlock Holmes oder von Don Quixote...
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Marocco

Literatur

Zu störrisch für Almosen

Aus ''Der Gang der Menschen''
Dante Andrea Franzetti
Eine Münze

Zuckungen, Geifer, Grimassen
Ein gurrendes Grinsen, der Wackelgang
Schorfige Hand, rollende Augen
Dampfender schwarzer Mund:
So nähert sich der Dorfkrüppel, gefolgt vom
Gebete sabbernden Dorftrottel.
Keiner verweigert dem Paar
Einen Gruss, eine Münze, ein Lächeln.

Kein Gleichnis

Sie lieben hier Vögel
Die Nester bauen im Hausflur
Herumschwirren und zwitschern
Die Treppen vollscheissen
Und pfeilgenau ausweichen
Dem menschlichen Auge.
Bertold Brecht hätte ein Gleichnis
Geschrieben. Ich sehe zu, wohin
Ich meinen Fuss setze.

Zement

Tanger ist eine schmutzige Königin
Die jeden Morgen neuen Zement gebiert:
Bis vor das unbewegte graue Meer
Von Europas Küste aus sichtbar
Türmt sich der schnell trocknende Mörtel.
Den Schwalben und Möwen bleibt kaum Zeit
Einen Abdruck zu hinterlassen.

Eine weitere Münze

Es ist gut, dem Stummen zu geben
(ein Brot, ein Stück Pizza, hinweg gereicht
über das Tischtuch des Restaurants)
Dem Mädchen mit dem Buckel
(eine Münze, ein Glas Wasser)
Im Café Ali mit WiFi den Blick vom Display
Zu heben und in dieses reine Gesicht
Zu sehen: Wie weiss ihre Zähne lächeln.
Die Dicke mit dem Rübenkopf nicht vergessen
Sie führt Daumen und Zeigefinger zum Mund
Während der Mann, der seine Haare glatt streicht
Jede Minute zwei Mal, tausend Mal am Tag
Nichts will ausser gutmütiger Aufmerksamkeit.
Wir fragen den Kellner: Er kennt sie alle!
Doch viele sind nur verrückt, sagt er
Nicht bedürftig, nicht leidend
Denn Gott wollte es so. Sentimental sind hier
Nur Touristen und Helfer, die über den Bau
Einer Klinik nachdenken und über den
Selbstverschuldeten Mangel an Fortschritt.

Bettelgeld

So ist eben hier nichts neu, nichts fremd
Nur ein paar Verwirrte sind übrig, die sich
An die neuesten Zeiten nicht angepasst
Haben und in den Wetten am Samstagabend
Mit dem Bettelgeld auf Allah setzen.

Zu störrisch

Der schnauzbärtige Erdnüsschenverkäufer
Schwitzt vorbei, er bemerkt mich nicht
Ich esse sie sonst spätnachmittags, die kleinen
Nüsschen in ihrer roten Haut:
Die Schale, so lang wie zwei Daumennägel
Vier Nüsschen, halb so gross wie Maiskörner
Glänzen matt darin.
Hülsenfrucht, verwandt mit der Erbse
Gut für Schlaf und Haut. Tryptophan. Linolsäure.
Der glatzköpfige Irre singt italienische Lieder
Die er erfindet mitsamt Melodie, und wenn ihm
Der Händler keine Handvoll überlässt
Wirft der Mann sich zu Boden und singt weiter:
O le belle noccioline, la mia sigaretta
In Italia pizza e Bardolino, dammi Signor
Questo gelato, questo topolino...
Laut, klar und akzentfrei. Er verbeugt sich
Und eilt davon, sehr aufrecht, fast elegant.
Die jungen Gäste lachen ihm hinterher
Er ist zu laut und zu störrisch für Almosen.