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Jerewan

Sieht man den Ararat?

Nachrichten aus einem Zentrum
Martin Amanshauser
„Morgen können wir den Ararat sehen ... vielleicht!“ In diesem archetypisch armenischen Satz schwingt Hoffnung mit. Hoffnung, morgen könnte die Welt anders sein als heute. Der Ararat, Symbol für die Stadt Jerewan, Symbol für den armenischen Staat, verbirgt sich hinter einer Smog- und Nebelschicht.
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Goa

Correspondent

Die Pinzette des Ohrenputzers

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Martin Amanshauser
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Lösung "Richtig oder falsch?":

Falsch, aber nicht ganz. Fanta wurde 1940 wegen Zutatenmangels für Coca Cola von einer Coca-Cola-Unterabteilung entwickelt und in Deutschland vertrieben. Das Getränk, das anfänglich keinen Orangensaft enthielt, wurde allerdings nie mit "Ph" geschrieben und hiess zuvor auch nicht Germania. Der deplazierte Werbespruch von der "guten alten Zeit" musste dieses Jahr tatsächlich nach Protesten zurückgezogen werden.

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Alle Dreadlocks dieser Welt warnen vor Goa. "Busladungen" der verhassten, meist britischen "Pauschaltouristen" hätten "alles" versaut. Stimmt gar nicht! Ein paar nette Working-Class-Familienväter in den Strandresorts, das ist alles.

Und eines ist klar: was Strände betrifft, so bleibt der indische Bundesstaat Goa unschlagbar, bietet er doch genau jene sanfte Infrastruktur, die selbst Fanatiker einsamer Buchten gerne in Reichweite wissen: Strandcafés, Fischrestaurants, frühmorgendliche "Dolphin Trips", "ayurvedische" Sofortmassagen.

Mit seinen knapp 4.000 km2 hat die frühere portugiesische Kolonie (1961 schickte Nehru ein paar Truppen, und das Salazar-Regime gab auf) die Größe des Burgenlands – bei 1,3 Millionen Einwohnern. Etwa ein Zehntel davon lebt in der Hauptstadt Panaji (früher: Panjim) an der Mündung des Mandovi.

Viele Christen, viel Bier

Das lusitanische Erbe und die lokale Spielart des Tourismus (vor 45 Jahren die ersten Hippies, vor 25 Jahren die Pauschalbriten, vor 15 Jahren der Megahype GOAN TRANCE) hat aus Goa eine etwas andere Provinz gemacht - die Frauen tragen knielange Kleider oder Jeans, zudem gibt es ein Drittel Christen und Bier zu moderaten Preisen.

Am Straßenrand tollen neben den obligaten Kühen, bei denen man nie weiß, wem sie eigentlich gehören, eine Menge Schweine herum. Hier wird gesündigt: Goan Sausages schmecken wie portugiesischer Chouriço, scharf gewürzt mit schwarzem Pfeffer. Acht Kilometer den Mandovi flussaufwärts liegt die Ex-Hauptstadt "Old Goa", oder besser das, was Cholera und Monsun vom stolzen Pfeiler einer Seefahrernation nach 300 Jahren übrig gelassen haben: Blütezeit im späten 16. Jahrhundert mit einer Viertelmillion Einwohnern, heute Standort von Palmenfeldern und vereinzelten Monumenten.

Zehe des Franz Xaver

Darunter immerhin die größte Kirche Asiens (Sé Catedral) und die Basílica de Bom Jesus mit den sterblichen Überresten des Heiligen Franz Xaver. Der legendäre Mitstreiter des Ignatius von Loyola widersetzt sich hartnäckig dem Verfall. Seit ihm allerdings ein weiblicher portugiesischer Fan aus übertriebener Devotion eine Zehe abbiss, nagt auch an ihm der Zahn der Zeit. Nur alle zehn Jahre wird der schlecht erhaltene Franz Xaver im Rahmen einer Prozession an die Öffentlichkeit geholt.

Seit der Halbierung der Fahrzeit von und nach Mumbai (Bombay, 500 Kilometer nördlich, 12 Stunden) durch die Konkan-Railway, strömen auch Städtetouristen durch Goa (Stationen: Mapusa Road und Margao). Trotz permanenter Überbuchung organisiert der Westler seine Tickets meist erfolgreich am Schalter für "Senior Citizens, Physically Handicapped, Freedom Fighters and Foreign Tourists". Die AC-Sleeper sind ein Abenteuer, nachts verwandelt sich der Großraumwaggon in ein eisiges Schlaf- und Schnarchkabinett.

Der Ankommende entschlüsselt bald den ideologisch-historischen Unterschied zwischen den Destinationen innerhalb des Bundesstaats: Südgoa mit verlässlichen Standardhotels (in Majorda, Colva oder Bernaulim) und vielen kleinen weißen Kirchen steht einem wilderen Nordgoa gegenüber, mit Ziegeldachhäusern, die Schildkrötenpanzer ähneln.

Eine Probe Ohrenschmalz

Eines jedoch ist überall gleich: "Wanna visit my shop? Later? Tomorrow? Promise?" Die Methode des vollständigen Ignorierens der allgegenwärtigen Businessmen hinter einem Paar Sonnenbrillen bewährt sich in vielen Fällen, versagt allerdings beim Ohrenputzer. Dieser nähert sich nämlich lautlos von der Seite und extrahiert seinem Opfer mit einer krummen Pinzette eine Probe Ohrenschmalz: "Very dirty! Need ear-clean?" Wer jetzt noch zögert, dem präsentiert der Ohrenputzer ein Zertifikat seines Spezialistentums.

Überhaupt ist das beglaubigte Formular (in bester lusitanischer Tradition) ein wichtiges Utensil: Bettlerinnen tragen gestempelte Armutsatteste mit sich, und selbst der Strandmasseur breitet Empfehlungsschreiben aus ("With Mister Menezes I experienced the best massage of my life – try it! Carsten, Bielefeld"). Weiter sei verwiesen auf ehrwürdige Männer in Mönchskutten, die ihren Opfern flugs bunte Bänder umbinden ("Don´t say no!") - und auf Elefantenstreichel-Fallen, bei denen man nach dem Tätscheln eines stacheligen Dickhäuters um eine abstrus hohe Spende kaum herumkommt.

Vereinzelt erfreuen einen auch im Genre "Tragische Lebensgeschichte" begabte Schauspielbettler mit professionell vergossenen Tränen, naheliegend in einem Landstrich, wo die Unterhaltungsmaschine des sogenannten Bollywood (den legendären Filmstudios Bombays) saddamähnliche Patriarchen gerne mit Tränen in den Augen plakatiert.

Sich klassisch einrauchen

So mancher wird nach einem Goa-Trip die Weltabgewandtheit der Hippies verstehen, als hohe Schule der Abhärtung gegen Störungen von außen. Wobei jemand, der Goa kennt, lange noch nicht weiß, wie Indien funktioniert. Aber in Goa funktioniert Indien ziemlich reibungslos.

Die "Szene", einst an der Südküste im Fischerdorf Colva, hat sich nach Nordgoa verlagert. Während der Neunziger waren Baga und Calangute in Mode, inzwischen wird die Spezies Hippie ein paar Kilometer weiter nördlich angetroffen: in Anjuna und Vagator, keine Dörfer, sondern unübersichtliche "Gebiete" in Strandnähe, wo zwischen Kokospalmen und Strohhütten ein Konglomerat aus Restaurants, Guesthouses und Cybercafés wächst.

Wer anreist, um sich klassisch einzurauchen, sollte wissen, dass er definitiv gegen Ende einer großen Party kommt. Nur im Straßendorf Chapora ist die multikulturelle Welt der Dreadlocks, Augenbrauenpiercings und Ohm-T-Shirts noch in Ordnung.

Hier teilt sich die Aussteigerin aus Tokio mit dem kleinkriminellen Bayern das bescheidene Revier, eine vielleicht 200 Meter lange Straße, auf denen sich die Mietmotorräder zwischen melancholischen Kühen und hautkranken Hunden durchschlängeln. Nicht immer friktionsfrei - Raserei und Linksverkehr sorgt bei Goatouristen für eine über die Jahre statistisch in etwa stabil bleibende Rate an Todesfällen.

Mittwochabends, nach dem wöchentlichen Flee Market in Anjuna (größter westindischer Umschlagplatz für Tücher und Artesanat), treffen sich die Freaks am Strand. Ein Lager aus Reisstrohmatten wird für mehr als tausend Leute ausgebreitet, Frauen werfen die Gaskocher an, Männer packen die Chillums aus. Zu den Rhythmen von Goan Trance, während die rote Sonne im Arabischen Meer versinkt, herrscht kurzer Waffenstillstand zwischen Indern und Westlern, zwischen Händlern und Behandelten.