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Marrakesch und Fez

Islamische Stadtkultur

Westliche Vorurteile
Martin Amanshauser
Marokko-Nicht-Kenner züchten hartnäckige Vorurteile: Haschisch an jeder Ecke, ein Heer ungebetener Tourist-Guide-Kletten; und überhaupt herrscht diffuse Islamgefahr. Stimmt alles nicht! Seit zwei Jahrzehnten zeigt sich der Atlasstaat als sicherer, farbiger, vitaler Ort, mit reizvollen Widersprüchen zwischen Berberkultur, Islam und den Einflüssen der westlichen Welt.
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Falsch Reisen (2014) - Martin Amanshauser
Jerewan

Correspondent

Sieht man den Ararat?

Nachrichten aus einem Zentrum
Martin Amanshauser
„Morgen können wir den Ararat sehen ... vielleicht!“ In diesem archetypisch armenischen Satz schwingt Hoffnung mit. Hoffnung, morgen könnte die Welt anders sein als heute. Der Ararat, Symbol für die Stadt Jerewan, Symbol für den armenischen Staat, verbirgt sich hinter einer Smog- und Nebelschicht.

An höchstens sechzig Tagen im Jahr kann man von Jerewan einen Blick auf den 5.165 Meter hohen Gupf mit der charakteristischen Schneehaube werfen, an dessen Hängen einst die Arche Noah gestrandet sein soll. Wer Glück hat – allerdings großes Glück – sieht auch noch den Kleinen Ararat daneben.

Gewurl am frühen Morgen

Jerewan mag auf den ersten Blick abstoßend wirken: eine laute Metropole mit viel ungutem Verkehr und keinem erkennbaren Kern. Zwei, drei Straßenzeilen mit historischen Holzfassaden stehen noch herum, aber sie gelten nicht als schützenswert und werden in absehbarer Zeit weichen. Und dennoch ist die Metropole ein Ort, der so richtig lebt: Das Gewurl in den Straßen beginnt um fünf Uhr morgens, die Kaffeehäuser füllen sich früh, jeder will draußen dabei sein, es gilt, nichts zu versäumen.

In einem alten Witz, den niemand mehr richtig erzählt, ist der ewig philosophierende Jerewaner immer der erste und letzte in seinem Stammcafé. Öffentlichkeit bedeutet am Kaukasus Kommunikation. Auf die Frage, wieso Armenien denn keine spektakuläre postkommunistische Revolution vorzuweisen habe, winken Einheimische gerne resignierend ab: nach zwei Stunden Demonstration würden sich die gelernten Jerewaner in ihre Stammcafés zurückziehen – keine Chance auf Umsturz.

Las Vegas des Kaukasus

Glücksspiel ist der große Trend. Jerewan gilt nicht umsonst – und das ist ernst, so lustig es klingen mag – als das Las Vegas des Kaukasus. Nicht ganz in den Dimensionen von Las Vegas, aber vom kaukasischen Lifestyle her durchaus ernst zu nehmen.

Die 34 Spiel-Casinos, alle an der Ausfallsstraße zum Flughafen gelegen, wirken zunächst wie größere, aufgetakelte Einfamilienhäuser. Aber die fluoreszierenden Drehlichter bilden nicht nur die große, bunte Welt ab. Samstagabend geht es hier rund: Essen, Spiel, elegante Männer, zweifelhafte Frauen – und umgekehrt.

Jerewan schläft nicht

Jerewaner Casinos spendieren den Stadtbewohnern die Taxifahrt, wenn sie anschließend bei ihnen Chips kaufen. Der Konkurrenzkampf ist hoch – wurde doch die Spielsteuer jüngst vervierfacht und die Werbezeit der Lotterien im TV begrenzt. Jedenfalls erfüllt das Mikro-Las-Vegas die Träume vom schnellen Reichtum ebenso wie das Bedürfnis nach gepflegter Unterhaltung: bis in die frühen Morgenstunden funkeln die Lichter.

Jerewan schläft nämlich nie. Am intensivsten zeigt sich die Geselligkeit der Hauptstädter allabendlich am Hanrapetutyan Hraparak, dem Platz der Republik, dem architektonischen Kraftzentrum der Stadt: Rund um das riesige Springbrunnenbecken sammeln sich Hunderte, manchmal Tausende Menschen.

Sie trinken die Biersorten Kotayk, Kilikia und Erebuni, oder frisch gepressten Erdbeersaft und fotografieren einander vor dem Hintergrund der Nationalen Kunstgalerie, des Museums Armenischer Geschichte, dem Marriott Hotel – allesamt Monumentalbauten.

Spektakel zum Nulltarif

Nach Einbruch der Dunkelheit zischen Fontänen in die Höhe, Musik setzt ein, bunte Wasserlichter glitzern. Ein famoser Regenbogen aus Licht erhebt sich nun, arrangiert von den populärsten armenischen Beleuchtermeistern – zu Tönen von „These boots are made for walking” über den Donauwalzer bis hin zu russischen Volksweisen.

Die Jungen halten ihre Füße ins Wasser, die Älteren machen sich mit den Tastenfunktionen ihrer Handys vertraut, Kinder kreischen – ein herrliches Spektakel zum Nulltarif, dem man in seiner Massentauglichkeit und Einfachheit nirgends sonst auf der Welt begegnen kann.

Jerewan gibt sich gerne den Anstrich von Dauerferien – immer haben massenhaft Leute gerade Zeit, in den Gastgärten hinter dem Opernhaus Khoravats zu essen, Fleisch am Grill. Die Esplanaden sind voll, kaukasisches Bier fließt in Strömen. Armenische Lebensfreude ist ein kostbares Nationalgut wie Marillen, Pfirsiche und Cognac, süß bis bitter.

Schmerzhafter Blick

Denn der Berg Ararat ist – wenn auch weiterhin unsichtbar – nicht weit. Blicke zum Gebirge lösen beim Eingeweihten wenn schon nicht majestätische, so doch tragische Gefühle aus. Denn kein einziges Stein des Berges, der auch das armenische Wappen ziert, liegt momentan auf armenischem Staatsgebiet. Die Grenzziehung zur Türkei scheint ebenso einzementiert wie die geschlossenen Grenzübergänge zwischen den Ländern.

Blicke zum Gebirge bringen Schmerz mit sich, Erinnerung an den Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern durch die Jungtürken vor hundert Jahren. Historiker werten diesen Genozid als zweitgrößtes Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Er förderte die Diaspora: Außerhalb Armeniens leben heute etwa sieben Millionen Armenier, im Land drei Millionen, jeder Dritte in der Hauptstadt.

In Tsitsernakaberd, was soviel wie Schwalbenfestung heißt, auf dem höchsten Hügel, steht die beeindruckende, unprätentiöse Gedenkstätte mit ihrem Basaltobelisken. Zwölf Stelen erinnern an die verlorenen Provinzen des Landes, ein ewiges Feuer brennt, ein „Museum des Völkermordes“ fasst das Vorgefallene, so möglich, in Worte und Bilder.

Ewige Unvollendung

Ein konträres Symbol, und zudem eines in Dimension und Ausführung denkbar lächerliches, ist die martialische „Mutter Armeniens“ auf dem Nebenhügel: eine grimmige Figur von 56 Metern Höhe mit Totschläger in der Hand. Als Wachfrau postiert, blickt sie wie ein düsterer, schwarzer Vogel zweifelhafter Intelligenz über Jerewan.

Ein dritter hoher Punkt macht Jerewanbesucher glücklich und nachdenklich. Es handelt sich um ein Amphitheater über der Stadt. Die „Kaskade“ ist ein Ehrfurcht gebietendes Wahnsinnsprojekt, dem nur eines fehlt: die Fertigstellung. Der Komplex trägt den offiziellen Namen „Armenien“, hat fünf Ebenen und bietet eine merkwürdige Mischung aus Freiluftmuseum „moderner“ Skulpturen und ewiger Unvollendung.

Endlose, marmorweiße Stufen führen bis zur Höhe von hundert Metern. Von einer fetten Katze aus der Werkstatt von Fernando Botero bis zu der Säule, die fünfzig Jahre Sowjetherrschaft feiert, gibt es hier alles. Wer den Aufstieg nicht scheut – die Rolltreppen im Untergrund sind größtenteils außer Betrieb – wird mit dem tollsten Ausblick belohnt. Und mit vielen Liebespaaren, die einen hübschen Gegensatz zu den Stelen und Blumenrabatten bilden. Denn die Jerewaner nehmen ihre Kaskade an – ganz egal, wer hier gerade welche Steinmonstren aufstellt.

Ist das jetzt der Ararat?

Und dahinter, im Nebel, ist das jetzt der Ararat? Eine weitere Ausrede für jene armenische Lebensfreude, die aus der Verzweiflung geboren scheint. Heute macht sie sich gelegentlich als Zukunftsperspektive bemerkbar. Das Investment – größtenteils angetrieben durch das Geld ausländischer Tycoone – zeigt sich im Stadtbild durch ein Potpourri an schmutziggelben Kränen.

Mit dem Verhältnis zur eigenen Vergangenheit hat vermutlich auch zu tun, dass man die historische Architektur des Kaukasus hinter sich lassen möchte. Die Flachdächer, auf denen Jahrhunderte lang gepicknickt wurde, hat der Erdboden verschluckt. Irgendwann, eines Tages, werden die schönen neuen Menschen mit dem Geld in die athenischen Tempeln nachempfundenen, überdimensionierten Neubauten in der Hyusisayin Poghota, der Prunkstraße hinter dem Opernhaus, einziehen.

Bis dahin spielt sich das Leben in anderen Straßenzügen ab. Das tut es ja wirklich: In den warmen Monaten ist Jerewan eine Stadt, die in der Nacht nicht ruht, und jede Nacht beginnt mit einem Volksfest.

Freude und Frohlocken liegt in Armenien buchstäblich nahe an der Religion. Wer die kathedralenähnliche Bibliothek Matenadaran mit den Urmanuskripten des Kaukasus erlebt hat, möchte vielleicht auch dem geistlichen Gegenstück begegnen. Der Weg zu Kathedrale und Kloster von Etschmiadsin durchschneidet die denkbar unchristliche Las-Vegas-artige Vorstadt. Hinter „Las Vegas“ würde die Vorstadt namens „Bangladesh“ beginnen, doch da ist dann auch schon Etschmiadsin.

Löwe wollte Gregor nicht fressen

Zwanzig Kilometer von Jerewan entfernt, war Etschmiadsin bis zum 4. Jahrhundert die Hauptstadt Armeniens. Die Kathedrale hat noch Bausubstanz von damals. Sie fungiert heute als größtes religiöses Heiligtum des Landes und Sitz einer orientalisch-orthodoxen Variante des Christentums: der Armenisch-Apostolischen Kirche, zurückzuführen auf den Apostel Gregor.

Die Beziehung war von Beginn an kompliziert: Die historischen Armenier wollten den Christentum predigenden Gregor den Löwen zum Fraß vorwerfen. Doch die Löwen wandten sich desinteressiert ab, woraufhin sich die Armenier, stark beeindruckt, dem Christentum zuwandten.

Die wichtigste Kathedrale, die mehrmals zerstört und wiederaufgebaut wurde, wirkt wie alle armenischen Kirchen bescheiden. Doch dieses Understatement hat Kraft. Die elegischen Gesänge der Mönche, kantig und monoton, erzeugen eine eigene Art Suggestion, die das Christentum anderswo nicht mehr aufbringt. Woran die Kantoren dabei wohl denken? Vielleicht an den Ararat – und dass sie ihn morgen sehen werden. Bestimmt.